Portrait:

Gnadenthaler Jugendgemeinschaft

Gibt´s bei euch zu Hause überhaupt elektrisches Licht? – Nachdem in meiner Schulklasse durchgesickert war, dass ich aus Gnadenthal komme, diesem ominösen Kloster hinterm Berg, und wir keinen Fernseher hatten, kamen solche Fragen auf, nicht selten mit spöttischem Unterton. Nein, bei uns herrscht finsteres Mittelalter und die Inquisition steht morgen bei dir vor der Tür! Das wäre vielleicht eine schlagfertige Antwort gewesen. Immerhin – die Tradition des Klosters und der Tageszeitgebete reicht zurück bis ins Jahr 1235. In kultureller Hinsicht jedoch erschien mir Gnadenthal keineswegs in dem Sinne traditionell zu sein wie etwa die Amish People. Wenn ich an „Tradition“ denke, fällt mir am ehesten die Feier zur Begrüßung des Sonntags ein, ohne die auch uns Kindern am Samstagabend eindeutig etwas fehlte.

Geradezu progressiv hingegen waren Jugendgottesdienste wie auch die sich etablierende Jugendarbeit im Nehemia-Hof. Und es war genial, da mit dabei zu sein, mitzugestalten, mich auszuprobieren bei Freizeiten und in der Jugendband; da wurde mir wirklich was zugetraut. All das hat bei mir Selbstvertrauen und Berufswahl (ich studiere ev. Theologie auf Pfarramt) maßgeblich positiv beeinflusst.

Darüber hinaus habe ich den Wert von Gemeinschaft quasi in die Wiege gelegt bekommen: Gemeinsame Feste, Arbeitseinsätze, Freizeiten. Wo Menschen zusammenkommen, blüht das Leben auf. Auch unter Glücksforschern ist Konsens, dass es in puncto Zufriedenheit maßgeblich auf gute Beziehungen ankommt. Und ich kann bestätigen, dass die erfülltesten Momente meines Lebens sich auf Jugendfreizeiten ereigneten. Das nicht konfliktfreie, aber doch gute und wertschätzende Miteinander hob sich so gewaltig ab von meinem Erleben säkularisierter und individualisierter Gesellschaft im Kontext Schule.

Wo wird ein Mensch wirklich gesehen?

Die Beantwortung dieser Frage scheint mir für den missionarischen „Erfolg“ der Kirchen in gelebter Nächstenliebe und Verkündigung maßgeblich zu sein. Ich selbst hab bei Jugendfreizeiten gemerkt, wie gut die Mitarbeiter mit mir umgehen, dazu davon gehört, dass dieser Gott, von dessen Existenz ich durchaus ausging, mich auch persönlich kennt und annimmt so wie ich bin, ganz unabhängig von meiner Coolness oder Leistung, dass ich in allen Fehlern und Zweifeln an mir und dem Leben dieser Welt bei ihm geborgen bin. Mich lässt das damals wie heute nicht kalt!

Ebenso wenig auch, wenn ich im schönen Schwabenländle zwischen die Fronten von Konservativen und Liberalen gerate oder im Studium allerlei aberwitzige rationalistische Wunder“erklärungen“ lese. In solchen Momenten weiß ich mein „geistliches Erbe“, die Klarheit und Weite der Jesus-Bruderschaft zunehmend zu schätzen. Br. Andreas erläutert diese in die Architektur des Brüderhaus-Gottesdienstraumes inkarnierte Theologie bei einer seiner berühmten Führungen ungefähr folgendermaßen: In der Mitte steht Jesus, das Licht der Welt (dargestellt durch die Kerze). Je näher ich bei ihm bin, desto weniger Platz bleibt für Anderes, die zwölf Dreiecke des Grundrisses werden an dieser Stelle ganz eng. Aber wenn ich dort bin, wird es weit, und der Panoramablick durch die etagenhohen Fenster wird mir zur Mahnung meine Vorhänge nicht allzu schnell vorzuziehen gegenüber meinen „fremden Brüdern.“ Ökumene in versöhnter Vielfalt – das ist auch meine Vision für Kirche des 3. Jahrtausends, und nicht zuletzt deswegen bin ich in der Gnadenthaler Jugendgemeinschaft.
Martin Hinz


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